BUNDjugend Hessen  

Für gesunde Kinder und was Vernünftiges zu essen

Jedes Kind sollte kochen lernen“ – mit diesem klaren Statement schloss die Unternehmerin, Buchautorin und Köchin Sarah Wiener unlängst eine Diskussionsrunde in Berlin. Doch warum ist Sarah Wiener dieses Thema so wichtig, um deswegen eine Stiftung zu gründen, einen Haufen Zeit, Arbeit und auch persönliches Geld zu investieren? Schließlich steht uns heute immer und überall Essen zur Verfügung. Auf dem Weg zur Schule, Uni oder Arbeit laufen wir an zig Bäckereien, Imbissen, Frittenbuden und sonstigen Shops vorbei. In großen Städten wie Berlin erwarten uns an den Ausgängen der großen U- und S-Bahn-Stationen Menschen mit einem Wurstgrill um den Bauch gebunden, um uns für 1,20 Euro mit einer Wurst im Brötchen und Senf versorgen zu wollen. Wenn vor 60 Jahren der durchschnittliche deutsche Haushalt noch rund die Hälfte des Einkommens für Lebensmittel ausgegeben hatte, betrug nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2008 dieser Anteil noch ganze 14,3%. Doch genau in dieser Entwicklung liegt das Problem: Wir haben es verlernt, uns vernünftig zu ernähren. Wir haben es verlernt, gute Lebensmittel zu schätzen und wir haben es verlernt, aus guten, gesunden Lebensmitteln Essen zu kochen. Wir wissen nicht mehr, welche Dinge, die im Wald wachsen, genießbar sind, wissen nicht mehr, wie richtige Erdbeeren schmecken, weil uns die künstlichen Geschmacksstoffe aus den Chemielabors der Lebensmittelindustrie unsere Geschmacksnerven versaut haben. Unsere Gesellschaft isst zu fettig, zu süß und zu viel Fleisch. Dabei ist Kochen und die gemeinsame Mahlzeit eine der ersten sozialen Leistungen des Menschen gewesen. Das ist leider in vielen Familien heute nicht mehr so. Wer sich aber besser ernähren will, muss wissen, wie man das hinbekommt. Wer den Unterschied zwischen einem Apfel und einer Kartoffel nicht kennt, wer nicht weiss, wie man aus Tomaten eine köstliche Soße oder aus Mehl einen Teig selber machen kann, der wird immer gefangen bleiben in den Convenienceprodukten der Nahrungsmittelindustrie und glauben, es gebe nichts schmackhafteres als Tiefkühlpizza. Aus einem fehlernährten Kind wird dann ein unwissender Erwachsener, ein unmündiger Verbraucher. In den letzten Jahren haben wir in unserer Arbeit leider feststellen müssen, dass die Schere in Deutschland immer weiter auseinander geht. Auf der einen Seite die gut informierten Menschen, die bewusst einkaufen und leben und sich Zeit nehmen in der Familie zu kochen. Auf der anderen Seite diejenigen, die sich ausschließlich von Fast Food und Fertigprodukten ernähren und mit frischem Obst und Gemüse nichts mehr anfangen können. Aus diesem Grund ist es unsere Aufgabe als Stiftung, unsere Arbeit dort zu intensivieren, wo der Bedarf am größten ist. Deswegen gibt es die Sarah Wiener Stiftung. Wir bilden Multiplikatoren aus, die an Schulen oder Kindertagesstätten Koch- und Ernährungskurse durchführen. Das sind in der Regel LehrerInnen oder ErzieherInnen, aber auch Ehrenamtliche, die gerne ihre Zeit dafür investieren. Diese Personen nennen wir Botschafter der Sarah Wiener Stiftung. Von der Stiftung gibt es didaktisches Material wie einen modularisierten Kochplan, der neben schmackhaften Rezepten viele Tipps rund um gute Ernährung beinhaltet. In den Unterlagen finden sich auch Elternbriefe in verschiedenen Sprachen und mehr. Dort, wo wir können, vermitteln wir Lebensmittelspenden, weil insbesondere in finanziell schlechter gestellten Stadtteilen weder Schule noch Eltern das Geld für die Lebensmittel aufbringen können. Wir bekommen immer wieder sehr ermutigende Rückmeldungen von unseren Botschaftern und den Eltern: Kinder fordern Eltern auf, doch wieder gemeinsam zu kochen; das Gemeinschaftserlebnis Kochen verbessert das Sozialverhalten der SchülerInnen. Das führt zu einer besseren Schulgemeinschaft. Bundesweit haben wir seit 2009 BotschafterInnen an über 400 Einrichtungen weitergebildet, in Baden-Württemberg sind es gut zwei Dutzend. Aktuell bilden wir zusammen mit der Deutschen Bundesstiftung Umwelt angehende ErzieherInnen als BotschafterInnen aus und haben das Thema Nachhaltigkeit in unserem Weiterbildungsprogramm noch stärker verankert. Zudem haben wir den Anspruch, dass jedes Kind, welches an einem unserer Koch- und Ernährungskurse teilnimmt, einen Bio-Bauernhof besuchen soll. Dort lernen die Kinder, woher die täglichen Lebensmittel kommen. Kartoffeln kommen nicht aus der Fabrik, und ein Schnitzel wächst nicht an Bäumen. Insbesondere für Kinder, die noch nie auf dem Land waren, sind das ganz neue Eindrücke. Seit 2009 haben wir über 250 Fahrten durchgeführt, an denen im Schnitt 30 Kinder teilgenommen haben. Unterstützt werden wir dabei aus dem Programm „Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft“ des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz. Mitte Januar haben wir auf der Grünen Woche in Berlin den „Bio-Hof des Jahres“ ausgezeichnet. Der Natur-Erlebnishof Hausen aus Thüringen hat diesen Preis gewonnen, weil dort sehr engagierte Menschen ein hervorragendes Programm durchführen. Das SWR Fernsehen hat bei der Preisverleihung auch gefilmt, weil die Betriebsleiterin ursprünglich aus Bietigheim bei Stuttgart stammt. Kinder sollen wieder lernen, dass für eine Bratwurst ein Tier gestorben ist. Das ist uns wichtig. In unserer industrialisierten Welt ist dieses Alltagswissen weitgehend verloren gegangen. Dieses Tier sollen wir gut behandeln, artgerecht halten und füttern. Um gleichzeitig eine weiter wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, werden wir aber nicht umherkommen, unseren Fleischkonsum deutlich zu reduzieren – von den übrigen, für den Umwelt- und Klimaschutz relevanten Aspekten, ganz abgesehen. Wir müssen uns regionaler, saisonaler, ressourcenschonender ernähren. Nicht zuletzt im Zuge des oben genannten Projekts in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bundesstiftung Umwelt ist auch der Punkt Klima- und Umweltbilanz unserer Ernährung stärker in den Fokus der Stiftung gerückt. Unsere Rezepte werden daraufhin nochmal überarbeitet.

Daniel Mouratidis ist Geschäftsführender Vorstand der Sarah Wiener Stiftung und ehemaliger Landesvorsitzende der Baden-Württembergischen Grünen

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